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„Hallo, ich bin der Stefan, und wie heißt du?“

Neu im Kollegium
Von: Ulrike Brauner
Mit Besserwisserei und kumpelhaftem Verhalten macht man sich als Neuer im Kollegium keine Freunde. Tipps für den Einstand

Zweite Pause. Jemand tippt Claudia Meier (Name anonymisiert) entschlossen auf die Schulter: „Entschuldige bitte, kannst du mir grad mal eben sagen, wo ich hier einen Klassensatz MP3-Player finden kann?“ Sie dreht sich zu  Stefan Böll (Name anonymisiert), dem neuen Kollegen, um, der sie soeben bei einem Fachgespräch mit einer Kollegin unterbrochen hat. „Wir haben keine schuleigenen MP3-Player. Tut mir leid.“ – „Im Ernst? Wie rückständig ist das denn? Ich dachte, das sei mittlerweile Standard an Schulen! An meiner Ausbildungsschule hatten wir sogar zwei Klassensätze!“ 

Eine Punktlandung in drei dicken Fettnäpfen in weniger als drei Minuten – Respekt!

„Sie können ja gerne einen Vorschlag an die Fachkonferenz machen, wenn Sie möchten“, schlägt Claudia Meier ihm knapp vor und wendet sich wieder ihrer Gesprächspartnerin zu.

Referendaren und Junglehrern, die mit viel Elan an eine neue Schule kommen, wird seitens des bestehenden Kollegiums viel nachgesehen. Tatsächlich freuen die meisten Kollegen sich darüber, wenn sich das Kollegium  verändert. Sie verbinden damit die Hoffnung, neue Impulse zu bekommen und von modernen Unterrichtserkenntnissen profitieren zu können.

Damit es zu einem beiderseitigen konstruktiven Arbeitsverhältnis kommen kann, ist es jedoch hilfreich, wenn die  Neuen sich einiger Besonderheiten des Starts an einer Schule bewusst sind, um sich den Einstand nicht unnötig zu erschweren.

Wann spreche ich einen Kollegen an?

Es ist vollkommen klar, dass man viele Fragen hat, wenn man an einer Schule neu ist. Es empfiehlt sich aber, Kollegen dann anzusprechen, wenn sie auch offensichtlich gesprächsbereit sind.

Dies ist manchmal gar nicht so einfach festzustellen. Es muss einem klar sein: Pausen zwischen Schulstunden sind für die Kollegen oft keine Erholungspausen. Häufig müssen in dieser Zeit noch Vorbereitungen für die nächste Unterrichtsstunde getroffen werden, Absprachen mit anderen Kollegen erfolgen oder Schülergespräche geführt werden. Hier sind also etwas Fingerspitzengefühl und Timing gefragt.

Am besten ist es, man hält sich so oft es geht im Lehrerzimmer auf. Man erhält dort nicht nur viele unterschiedliche Informationen, sondern auch viel Gelegenheit zu zwanglosen Gesprächen, um die Kollegen besser kennenzulernen, bestehende Strukturen zu erfassen und sich selbst vorzustellen. Und man kann zuhören, zuhören, zuhören.

Vorsicht allerdings, wenn es um Klatsch oder Kollegenschelte geht: Solange man nicht weiß, wie die einzelnen Kollegen zueinander stehen, ist zu schweigen vermutlich die beste Strategie.

Du oder Sie?

Unter Studenten und Referendaren ist es meist üblich, sich sofort zu duzen. An der neuen Schule kommt es jedoch bei vielen Kollegen nicht gut an, wenn sie von einem Neuen sofort geduzt werden. Sie möchten ihn erst besser  kennenlernen, bevor sie entscheiden, ob sie mit ihm für die nächsten (langen) Jahre per Du sein wollen. Ein fröhliches „Hallo, ich bin der Stefan, und wie heißt du?“ oder „Ich bin der Stefan, wollen wir uns duzen?“ ist daher zwar nett gemeint, aber in den Augen vieler, nicht nur älterer, Kollegen zu diesem Zeitpunkt völlig unangebracht.

Hoppla, jetzt komm’ ich!

Vergleiche mit früher kommen selten gut an. Wenn ich als Neuer Probleme mit den Gegebenheiten an der neuen Schule habe, ist es besser, mich mit meiner Wertung zurückzuhalten, das Problem stattdessen sachlich zu  beschreiben und neutrale Fragen zu formulieren: „Ich würde gerne mit den Schülern eine Audio-Übung machen. Gibt es hier an der Schule vielleicht MP3-Player, die die Schüler dafür nutzen können?“ Im besten Fall wird dies dann als eine gute Idee und positive Anregung, also als Bereicherung statt als Abwertung verstanden.

Auch ist es sinnvoller, ein freundliches Angebot zu machen, anstatt mit Besserwisserei aufzutrumpfen, also „Ich habe eine Fortbildung zum Einsatz von MP3-Playern im Unterricht gemacht, die ich sehr interessant fand. Ich kann das Material dazu gerne auch mal für die Kollegen mitbringen.“ anstatt „Wir haben an der Uni gelernt, wie zeitgemäßer Unterricht geht.“

Tatsächlich wird es besonders geschätzt, wenn neue Kollegen Angebote zur Zusammenarbeit machen und nicht nur erwarten, dass sie Informationen und Material frei Haus geliefert bekommen. Viele alte Hasen freuen sich, wenn neue Ideen ins Kollegium kommen. Sie sehen darin eine Chance, sich weiterzuentwickeln. Umgekehrt haben sie oft viele verschiedene Erfahrungen gemacht und Materialien erstellt, die sie gerne weitergeben. Dieser Synergie-Effekt kann zu einer Entwicklung führen, in deren Verlauf beide Seiten gewinnen.

Was kann ich noch tun?

Folgende Vorgehensweisen versprechen besonders viel Erfolg, wenn ich an einer Schule neu bin und Informationen brauche:

  • Sofern eine Homepage der Schule und ein Schulprogramm vorhanden sind, helfen diese bei einer ersten Orientierung.
  • Viele Schulen halten Einstiegsmappen mit den wichtigsten Informationen für neue Kollegen bereit: Einfach mal im Sekretariat fragen.
  • Die meisten Schulen haben Ausbildungskoordinatoren oder -beauftragte, die besonders viel Erfahrung mit dem Informationsbedarf neuer Kollegen haben und die breit gefächert antworten können.
  • Auch gut: Herausfinden, wer der richtige Ansprechpartner bei speziellen Fragen ist, diese Fragen notieren und gebündelt vorbringen. Wer ist für welche Bereiche in der Schule zuständig? Hat derjenige feste  Sprechzeiten, die ich auch nutzen kann? Und dann nicht vergessen: Die Antworten notieren! Niemand hat die Zeit und Lust, dieselben Fragen fünfmal zu beantworten.

Nachklapp

Der Vorschlag, MP3-Player im Klassensatz anzuschaffen, wurde übrigens sehr positiv aufgenommen. Da sich bisher niemand des alten Kollegiums mit ihren Einsatzmöglichkeiten im Unterricht befasst hat, bereitet Stefan Böll nun eine kollegiumsinterne Fortbildung dazu vor, auf die sich viele schon freuen.

Tipps für den Einstand

  • Möglichst viele Informationen gezielt sammeln
  • Passende Gelegenheiten für Fragen abwarten
  • Bereitschaft zur Zusammenarbeit bekunden
  • Zurückhaltend mit Urteilen sein
  • Warten, bis man das Du angeboten bekommt
  • Zuhören, zuhören, zuhören