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Informelle Rollen: Verantwortung übernehmen - Schule gestalten

Von: Jonas Lanig
Wie Sie sich als angehende und junge Lehrkraft auch außerhalb des Klassenzimmers einbringen können

"Königreich Klassenzimmer"

Für angehende Lehrkräfte ist das Klassenzimmer wie ein Königreich. Wenn sich hier erst einmal die Türen geschlossen haben, brauchen Sie sich von niemandem ins Handwerk pfuschen zu lassen. Sie müssen auf keinen Seminarlehrer, keinen Fachbetreuer und keine Schulleiterin mehr Rücksicht nehmen. Kurz: Sie können so unterrichten, wie Sie sich das immer schon vorgestellt haben. Erst hinter verschlossenen Türen haben Sie die Chance, Ihren eigenen pädagogischen Stil auszuprobieren und sich zu einer unverwechselbaren Lehrerpersönlichkeit zu entwickeln. Das ist anstrengend und aufregend genug, um sich zunächst nicht nach zusätzlichen Herausforderungen umzusehen.

Legitimer Ehrgeiz: sich einen Namen an der Schule machen

Freilich darf das vermeintliche Königreich nicht zu einem Reservat werden, in dem Sie bis zu ihrer Pensionierung die Stellung halten. Irgendwann werden Sie sich auch innerhalb Ihrer Schule einbringen wollen – um hier an Profil zu gewinnen und Mitstreiter für ihre pädagogische Sendung zu finden. Schließlich werden Sie sich nicht damit zufrieden geben, immer nur andere Kollegen um eine Auskunft zu bitten und diese wegen einer Dienstleistung anzusprechen. Irgendwann sollten auch Sie selber nachgefragt werden. Und irgendwann soll auch Ihr Radius über die eigenen Schüler hinaus reichen. Es ist ein durchaus legitimer Ehrgeiz, sich an der eigenen Schule einen Namen zu machen statt hier immer nur als unbekannte Größe geführt zu werden.

Engagement in AGen oder Wahlkursen

Eine erste Möglichkeit, um aus der selbst gewählten Enklave des Klassenzimmers herauszutreten: Sie übernehmen eine Arbeitsgemeinschaft oder einen Wahlkurs, in dem sie es mit Schülern unterschiedlicher Klassen zu tun haben. In diesem Sinne könnten Sie

  • die Leitung der Theater-AG übernehmen und sich gegen Ende des Schuljahres mit einer selbst einstudierten Aufführung dem Urteil der Schulöffentlichkeit stellen.
  • an der Schule eine Tierschutzgruppe aufbauen, die sich mit zahlreichen Aktionen in Schule und Nachbarschaft für die gute Sache einsetzt und den Kontakt zum örtlichen Tierheim hält.
  • einen Wahlkurs „Photographie für Fortgeschrittene“ anbieten, der immer angefordert wird, wenn besondere Aktivitäten des Schullebens ins Bild gesetzt werden sollen.
  • die Verantwortung für eine AG übernehmen, die sich mit „Graffiti“ beschäftigt und die vielen trostlosen Wände des Schulhauses mit farbenprächtigen Wandgemälden ins rechte Licht setzt.
  • die Redaktion der Schülerzeitung als Beratungslehrerin unterstützen – wenn die Arbeit wieder einmal am mangelnden Engagement der Schüler zu scheitern droht oder wenn es wegen einiger Beiträge Ärger gibt.
  • die Projektgruppe „Schulradio“ aufbauen, die Schüler wie Lehrer über die hauseigene Sprechanlage regelmäßig mit aktuellen Infos und rockiger Musik versorgt.

Dieses Engagement verlangt von Ihnen keine unentgeltliche Zusatzarbeit. Denn die Wahlfächer und Arbeitsgemeinschaften sind im Wochenstundenplan fest verankert, werden Ihnen also auf Ihr Stundendeputat gut geschrieben. Außerdem können Sie sich hier mit Ihren besonderen Interessen und Hobbies einbringen – und damit auch mit Facetten Ihrer Persönlichkeit, von denen bisher kaum einer wusste.

Selbst die Rosinen aus dem Funktionskuchen picken

Darüber hinaus sind an jeder Schule zahlreiche Funktionen zu vergeben, die auch für Sie interessant sein könnten. Wird eine solche Funktion frei, sollten Sie von sich aus Ihre Ansprüche anmelden. Denn die eine oder andere Aufgabe wird man Ihnen ohnehin übertragen wollen. Da ist es doch besser, wenn Sie sich selber die interessanteren Rosinen aus dem Funktionskuchen herauspicken. Dazu zählen

  • die Verwaltung der lernmittelfreien Bücher,
  • die Aufgaben einer Suchtbeauftragten,
  • die Betreuung der schuleigenen Homepage,
  • die Organisation der Schulfahrten,
  • die Funktion eines Medienwarts,
  • die Redaktion des Jahresberichts,
  • die Leitung der Hausaufgabenbetreuung,
  • der Kontakt zum Förderverein,
  • die Funktion einer Frauenbeauftragten,
  • die Verantwortung für den Kollegensport.

Sie sollten Ihre Entscheidung davon abhängig machen, welche Gestaltungsmöglichkeiten mit einer solchen Funktion verbunden sind: Wer zum Beispiel für das Sammlungswesen zuständig ist, erstickt in reinen Verwaltungstätigkeiten – ohne sich mit eigenen Ideen und Aktionen einbringen zu können. Wer aber mit der Redaktion des Jahresberichts betraut wird, der kann die bisher eher langweilige Schulchronik zu einem peppigen Magazin weiterentwickeln.

Neue Aufgabenfelder und Funktionen aufbauen

Schließlich können Sie an Ihrer Schule auch solche Aufgaben übernehmen, für die sich bisher noch niemand verantwortlich gefühlt hat. Hier müssten Sie dann nicht nur sich selbst, sondern auch einen schulischen Verantwortungsbereich neu erfinden. Die folgenden Beispiele führen Ihnen vor, wie das funktionieren könnte:

  • Als neuer Lehrerin fällt Frau A. auf, dass in der Terminübersicht der Schulleitung keine Projekttage ausgewiesen sind. Offensichtlich fehlt so etwas an ihrer neuen Schule. Deshalb sammelt sie einige Kollegen um sich, mit denen sie ein entsprechendes Konzept ausarbeitet. Auf dieser Basis finden dann gegen Ende des Schuljahres zum ersten Mal Projekttage statt – und es ergibt sich fast von selbst, dass Frau A. dafür verantwortlich zeichnet.
  • Die Benachteiligung der Jungen in unserem Bildungssystem war für Herrn B. eigentlich noch nie ein Thema. Erst beim Pädagogischen Tag seiner neuen Schule wird ihm bewusst, dass den Jungen hier ein Ansprechpartner fehlt, den sie in Problemfällen kontaktieren können. Herr B. schreibt seine Überlegungen nieder, kann die Schulleitung dafür interessieren – und ist wenig später der erste Jungenbeauftragte seiner neuen Schule.
  • In der 7. und 8. Klasse bleiben besonders viele Schüler sitzen – weil hier die Motivation aussetzt und die Leistungen entsprechend einbrechen. Als Berufsanfängerin wird Frau C. auf dieses Phänomen aufmerksam – über das sich kein altgedienter Hase mehr aufzuregen vermag. Zusammen mit der Beratungslehrerin und dem Schulpsychologen verfolgt Frau C. die Idee eines Motivationsseminars, um die versetzungsgefährdeten Schüler rechtzeitig aufzufangen und ihnen eine Perspektive anzubieten. Aus der Idee wird bald ein konkretes Projekt – und schon in ihrem zweiten Jahr an der neuen Schule startet Frau C. zum ersten Mal das Motivationsseminar „Gegensteuern“.

Solche Beispiele zeigen: Wer an der neuen Schule Verantwortung übernimmt, kann hier sich hier mit seiner pädagogischen und persönlichen Identität einbringen. Sie beweisen damit der Schulfamilie, dass Sie nicht nur funktionieren, sondern dass sie an der Veränderung von Schule mitwirken wollen. Das hat nichts mit Profilierungssucht oder Karrierestreben zu tun. Und: Wirklich wohl können Sie sich nur dort fühlen, wo Sie sich angenommen und anerkannt sind. „Dasein heißt eine Rolle spielen.“ (Heinz Otto Burger) – das gilt auch für Ihre neue Schule.