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Neue Methoden für den Elternabend

Der erste Elternabend
Von: Jonas Lanig
Der Klassenlehrer will sich vergewissern, wie seine Informationen und Anliegen bei den Eltern ankommen. Und diese wollen endlich loswerden, was ihnen vielleicht schon lange ein Problem ist. Beides aber ist nur im Gespräch möglich. Deshalb bedarf es einer Moderation, die den Abend strukturiert und dafür sorgt, dass aus den oft diffusen Redebeiträgen wirklich ein Gespräch wird. Es bedarf aber auch geeigneter Methoden, damit wirklich alle Eltern zu Wort kommen und der Elternabend zu seinem eigentlichen Thema findet. Die folgenden Methoden wurden bereits an vielen Elternabenden erprobt, haben ihren Praxistest also längst bestanden. Welche Methode jeweils eingesetzt werden sollte – das aber kann nur von Fall zu Fall entschieden werden.

Kommentierte Vorstellung

Diese Methode eignet sich vor allem für Klassen, die neu gebildet wurden oder in denen bisher nur wenige Elternabende stattgefunden haben. Hier sind die Eltern vor allem daran interessiert, sich untereinander kennenzulernen und ihre Erfahrungen mit der schulischen Situation ihrer Kinder auszutauschen. Der Vorteil dieser Methode liegt darin, dass alle Eltern gleichberechtigt zu Wort kommen und dass es keine Tabus gibt. Hier kann sich auch äußern, wer Probleme mit seinem Kind hat, wer vom pädagogischen Angebot der Schule enttäuscht ist oder sich bisher nur unzureichend an der Elternarbeit beteiligt hat.

Dazu erhält jeder Teilnehmer ein Handout mit 28 möglichen Aussagen. Die Teilnehmer lesen sich diese Aussagen durch und überlegen, welche für sie infrage kommen könnte. Die erste Teilnehmerin beginnt: Sie nennt den Namen ihres Kinder und ergänzt diese Kurzvorstellung durch eine passende Aussage. Dann setzt die nächste Teilnehmerin den Vorstellungsreigen fort. Das geht so lange, bis alle Teilnehmer zu Wort gekommen sind. Dabei sollte sich jeder Teilnehmer nach Möglichkeit mit einer neuen Aussage vorstellen – um wenig ergiebige Wiederholungen zu vermeiden.

Diese Methode setzt eine Offenheit voraus, zu der nicht jeder bereit ist, erst recht in einem ihm bisher fremden Kreis von Menschen. Deshalb sollte der Klassenlehrer die Teilnehmer ausdrücklich dazu ermutigen, kein Blatt vor den Mund zu nehmen und sich ohne falsche Scham zu „outen“. Dann kann die „kommentierte Vorstellung“ tatsächlich dazu beitragen, vorhandene Blockaden zu lösen und eine offene Gesprächsatmosphäre herzustellen. Dafür sind etwa 30 Minuten zu veranschlagen.

Der Meinungsbaum

Wenn es sich bei den Eltern dagegen um „alte Hasen“ handelt, wird man auf eine ausführliche Vorstellungsrunde verzichten und ohne längeren Anlauf auf die pädagogische Situation der Klasse eingehen können. Um die Interessen der Eltern abzufragen und in einer möglichst anschaulichen Form darzustellen, bietet sich die Methode des „Meinungsbaumes“ an.

Dazu findet jeder Teilnehmer unter seiner Sitzfläche einen Haftzettel. Auf jedem Haftzettel steht ein Stichwort, mit dem sich die besondere Situation der Klasse beschreiben lässt:

Schule_eltern_Meinungsbaum

In der Mitte des Sitzkreises befindet sich ein Kartenständer, der für diesen Teil des Elternabends zum „Meinungsbaum“ wird. Je größer der Gesprächsbedarf ist, den die Eltern mit einem Stichwort verbinden, umso höher wird der entsprechende Haftzettel aufgehängt. Je geringer der Gesprächsbedarf eingeschätzt wird, umso weiter wandert der Haftzettel zum Fuß des Kartenständers. So können die Eltern in wenigen Minuten signalisieren, welches Thema ihnen besonders wichtig ist und worüber sie unbedingt mit dem Klassenlehrer reden möchten.
Dann werden die Stichwörter aufgerufen, die von den Eltern besonders hoch platziert wurden. Die Eltern werden jeweils aufgefordert, dazu ihre Beobachtungen, Befürchtungen oder Wünsche mitzuteilen, bevor ihnen der Klassenlehrer antwortet und den Sachverhalt aus seiner Sicht darstellt. Gerade bei dieser Methode empfiehlt es sich, das Gespräch wenigstens in Stichpunkten zu protokollieren und vor allem konkrete Absprachen schriftlich festzuhalten. Für diese Aufgabe steht die Klassenelternsprecherin sicher gern zur Verfügung.

Der „Meinungsbaum“ ist eine bewährte Methode, um die Sorgen und Nöte der Eltern abzufragen und ihnen ein geeignetes Forum zu verschaffen. Das Problem dabei ist, dass diese Gesprächsmethode sehr viel Zeit in Anspruch nimmt und dass daneben kaum noch Raum für andere Themen oder Aktivitäten bleibt. Dafür ist hier immer eine lebendige Diskussion garantiert. Und niemand wird nach einem solchen Elternabend sagen können, die Meinung der Eltern sei nicht ausreichend berücksichtigt worden.

Das Stimmungshoroskop

Viele Eltern beklagen sich darüber, dass sich ihre Kinder eher maulfaul geben, wenn es um schulische Angelegenheiten geht. Sie behandeln ihren schulischen Alltag wie eine geheime Verschlusssache, an der die Eltern möglichst wenig Anteil nehmen sollen. Diese erwarten deshalb von einem Elternabend, dass er Licht ins Dunkel bringt und sie über die schulische Existenz ihrer Kinder aufklärt. Das ist vor allem in den Pubertätsjahren der Fall. Mit dem „Stimmungshoroskop“ lassen sich die schulischen Erfahrungen der Kinder mit der Einschätzung ihrer Eltern abgleichen – ein ebenso spannendes wie erhellendes Unterfangen.

Diese Methode muss allerdings im Unterricht vorbereitet werden. Dazu füllt jeder Schüler ein „Stimmungshoroskop“ aus.

Die von den Schülern bearbeiteten „Stimmungsprotokolle“ werden eingesammelt und vom Klassenlehrer unter Verschluss gehalten. Beim Elternabend füllen dann auch die Eltern ein solches Protokoll aus. Sie versetzen sich dazu in die Rolle ihrer Kinder und antworten so, wie sie das von diesen erwartet hätten. Dann werden die Protokolle der Kinder ausgeteilt und mit denen der Eltern verglichen. Wie groß ist das Maß an Übereinstimmung – und wie oft lagen die Eltern mit ihrer Einschätzung daneben?

Im Anschluss an diese Methode bieten sich viele Gesprächsansätze an:

  • Welche Selbstauskunft ihrer Kinder hat die Eltern am meisten überrascht, am meisten gefreut, am meisten enttäuscht?
  • Wo war die Differenz zwischen Eigen- und Fremdwahrnehmung am größten?
  • Wo zeichnet sich dringender Handlungsbedarf ab?

Das alles muss im Gespräch mit den Eltern geklärt werden. Die „Stimmungshoroskope“ gewährleisten, dass sich der Diskurs der Erwachsenen nicht über die Köpfe der Kinder hinwegsetzt, sondern deren Haltung ernst nimmt. Denn auch bei einem Elternabend sollten die Schüler immer im Mittelpunkt stehen.

Die Zeitreise

Zu Beginn eines Schuljahres macht sich bei allen Beteiligten eine optimistische Stimmung breit: Die Schüler starten mit dem Vorsatz, aus den Versäumnissen früherer Jahre zu lernen und den schulischen Herausforderungen mit mehr Ehrgeiz und Fleiß zu begegnen. Die Eltern nehmen ihnen das gern ab und sie sind klug genug, diesen Optimismus der ersten Wochen nicht zu beschädigen. Und auch die Lehrkräfte zeichnen die Situation der Klasse anfangs noch in freundlichen Farben. Der erste Elternabend steht deshalb immer in der Gefahr, sich von dieser optimistischen Sichtweise blenden und von der Harmonie des Augenblicks täuschen zu lassen.

Zur Verantwortung eines Klassenlehrers gehört es aber auch, die Eltern mit den zu erwartenden Klippen und Durststrecken des bevorstehenden Schuljahres zu konfrontieren. Er sollte erfahren genug sein, solche Gefährdungen zu kennen und die Eltern rechtzeitig darauf vorzubereiten.

Dazu kann er mit der „Zeitreise“ auf eine eher robuste Methode zurückgreifen. Die Eltern erhalten eine vorweggenommene Chronologie des gerade erst gestarteten Schuljahres, in der kein Versäumnis und kein Konflikt ausgespart wurden.

Natürlich müssen die Eltern wissen, dass es hier um eine möglichst pessimistische Zeitreise durch die nächsten Monate geht, und dass damit nur bezweckt werden soll, mögliche Krisenherde rechtzeitig aufzuspüren und gemeinsam gegenzusteuern. Im anschließenden Gespräch mit den Eltern sollte deshalb nachgefragt werden:

  • Welche der geschilderten Entwicklungen sind realistisch und welche sind eher unwahrscheinlich?
  • Wie kann solchen Krisen und Konflikten vorgebeugt werden?
  • Wie können Eltern und Lehrer ihre Beobachtungen austauschen?

Die „Zeitreise“ eignet sich keinesfalls für Eingangsklassen, weil hier die Skepsis der Eltern nicht noch zusätzlich unterstützt werden sollte. In Klassen der Mittelstufe aber kann sie helfen, einen ehrlichen Dialog zwischen Lehrern und Eltern zu eröffnen, weil diese bereits eigene Erfahrungen mit ihren Kindern einbringen können.

Methoden

Die hier beschriebenen Methoden verstehen sich vor allem als „Türöffner“ oder als „Eisbrecher“, um die anfängliche Beklemmung vieler Elternabende aufzulösen und auch die eher zurückhaltenden Eltern zum Gespräch einzuladen.

In diesem Sinne können diese Methoden das Gespräch erleichtern, ohne es zu ersetzen. Und hier ist eine umsichtige Moderation ebenso notwendig wie so manche spektakuläre Methode.